Loslaufen, aushalten. Bilder weiblicher Lebensentwürfe im Transitraum Exil

Heike Klapdor

„Loslaufen“, „aushalten“—um diese Handlungsweisen der modernen Frau dreht sich ein Gespräch im ‚Soroptimist’, dem Klub berufstätiger Frauen, das die Schriftstellerin Gabriele Tergit im Januar 1930 im Berliner Tageblatt kolportiert. Die moderne Frau ist eine soziale und ökonomische Realität und ein Typus großstädtischer Kultur, sie ist berufstätig und mobil. „Die Frau von morgen“ ist Thema kulturpolitischer Essays. Arbeiten, lieben, rauchen, Autofahren einerseits, andererseits soziale Isolation und Ausgrenzung, sexuelle und ökonomische Ausbeutung —in diesem gesellschaftlichen Rahmen bewegen sich das working girl, der flapper, die garconne in der zeitgenössischen Kunst, in Romanen und Filmen der Zwischenkriegsepoche.

Was widerfährt diesen Frauen(figuren) unter dem Vorzeichen des Exils? Profitieren sie von der Krise? Ist das Exil für sie ein Möglichkeitsraum, in dem sich Mobilität fortführen lässt bzw. umgeschrieben werden muss? Ein Transitraum weiblicher Identität, in dem sich Selbst- und Fremdbilder ändern, Determination und Handlungsfähigkeit geprüft werden, Tradition und Abweichung erneut und neu justiert und probiert werden?

Die österreichische Schriftstellerin Anna Gmeyner (1902, Wien—1991, York, GB) ist biographisch eine dieser modernen Frauen, die die Erfahrung Exil machen, sie repräsentiert literaturgeschichtlich durch ihre Frauenfiguren eine weibliche Perspektive auf Politik, Gesellschaft und Geschlecht. Die Dramatikerin der Weimarer Republik schreibt unter den Bedingungen des Exils in Frankreich und England Romane (Manja. Roman um fünf Kinder, 1938; Café du Dôme, 1941) und Drehbücher. 1933 adaptiert sie für den Regisseur G. W. Pabst eine ungarische Komödie, die unter dem Titel Du Haut En Bas in die französischen Kinos kommt.

Der Vortrag konzentriert sich auf diesen Film und seine Protagonistin, eine promovierte Lehrerin aristokratischer Herkunft, die sans papiers eine Anstellung als Dienstmädchen in einemWiener Mietshaus findet – ein Transitraum weiblicher Identität, den die junge Frau, die „losgelaufen“ ist, betritt, den sie „aushält“ und den sie wieder verlässt. Der Vortrag versteht sich als exemplarische Analyse eines filmischen Entwurfs weiblicher Identität unter dem Vorzeichen des Exils und arbeitet mit Filmausschnitten.

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