Die queeren Netzwerke der Erica Anderson

Andreas Brunner

Erica Anderson wurde am 8. August 1914 als Erika Kellner in die Familie eines assimilierten jüdischen Arztes geboren. Nach einer Ausbildung zur Fotografin arbeitete sie bis zu ihrer Flucht 1938 im Atelier von Georg Fayer. Ihr Leben in der Emigration war geprägt von engen persönlichen und beruflichen Beziehungen zu (lesbischen) Frauen. Über die Schauspielerin Sibylle Binder, mit der Erika ab Mitte der 1930er-Jahre eine lebenslange Freundschaft verband, lernte sie wahrscheinlich die Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach kennen. Im Londoner Exil traf sie die Galeristin Ala Story und heiratete den Arzt William Collier-Anderson – wohl eine „marriage of convenience“. Bereits 1940 folgte sie dem Ruf von Ala Story nach New York, wo sie auch wieder auf Schwarzenbach traf. In einer für Annemarie Schwarzenbach schwierigen Phase – sie lebte in einer Beziehung mit Margot von Opel verliebte sich aber unglücklich in Carson McCullers – wurde Erica zu ihrer Vertrauten.

Nach einer Ausbildung zur 16mm-Kamerafrau schuf sie erste Dokumentarfilme, die zum Teil für Ala Storys Produktionsfirma gedreht wurden. Sie stellte auch den Kontakt zum Galeristen Otto Kallir her, für den sie gemeinsam mit dem (homosexuellen) Regisseur Jerome Hill eine Dokumentation über die naive amerikanische Malerin Grandma Moses drehte. Die erste Zusammenarbeit von Anderson und Hill wurde 1950 für den Oscar nominiert. Für einen Film über den Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer gewann Jerome Hill 1958 einen Oscar für den besten Dokumentarfilm, weil Erica Anderson nur als Kamerafrau genannt wurde, obwohl sie den Film maßgeblich gestaltete. Bis zu ihrem Tod 1976 stand nun Albert Schweitzer, dessen Arbeit in Lambarene sie auch fotografisch dokumentierte, im Zentrum ihres Lebens. Erica Andersons unbearbeiteter Nachlass von mehr als 40.000 Fotografien liegt an der University of Syracuse (NY).